HENRY JEANNOIRE - DER AUTHENTISCHE ROMAN
NACHWUCHS
Er kam an einem warmen, freundlichen Spätsommernachmittag im September des Jahres 1958 zur Welt. Nachdem die Hebamme ihm einen Klaps verpaßt hatte, ließ er einen heftigen Schrei los und als das Blut seines purpurroten Kopfes sich wieder
gleichmäßig auf den restlichen Körper verteilt hatte, strahlte ein neuer Erdenmensch aus großen, blauen Augen mit der Nachmittagssonne um die Wette.
Allein seine Ohren übertrafen seine Augen noch an Größe,
und sollten sie mit den Jahren proportional zu seinem Körper wachsen, würde der armen Familie in kürzester Zeit ein anatomisches Wunder ins Haus stehen.
Doch zunächst erfreute man sich an der offensichtlichen Gesundheit des neuen Familienmitgliedes und dessen unverdrossen optimistischem Blick, mit dem er seine Umwelt staunend zur Kenntnis nahm. Seine Mutter Toni hatte die Geburt viel Kraft gekostet und er
schaute sie an, als wüßte er, daß er die Ursache für ihre Schmerzen war.
Sie hieß eigentlich Antonie, aber jeder nannte sie nur kurz Toni. Sie war eine zierliche, blonde schlanke Frau von dreißig Jahren und hatte neben einigen
Fehlgeburten auch seine 2 Jahre ältere Schwester Brigitte zur Welt gebracht. Weitere 2 Jahre vorher starb das älteste Kind, Astrid, infolge eines offenen Rückenmarks. Sie wurde nur ein halbes Jahr alt. Der erste harte Schlag in der noch jungen
Familiengeschichte.
Sie alle lebten zusammen mit Ihrem Vater Heinrich in zwei winzigen Zimmern mitten in einer Kleinstadt, wovon eins die Küche und das andere das Schlafzimmer war. Es gab kein fließendes Wasser innerhalb der Wohnung, weder warm noch kalt und das WC war auf
dem Hof. Sein Vater Heiner war ein kleiner, schlanker, fast schmächtiger Mann, mit tiefschwarzem schütteren Haar, das auch große Teile seines Körpers bedeckte und strahlend blauen Augen.
Unser Neugeborener hat jeweils die hervorstechendsten Merkmale seiner Eltern geerbt, nämlich die blauen Augen seines Vaters und die blonden Haare seiner Mutter, was für ihn, wie sich viel später herausstellen sollte, wesentlich vorteilhafter war,
als umgekehrt. Sie nannten Ihn Jürgen. Sein zweiter Vorname war Heinrich, so wie schon sein Vater und sein Großvater väterlicherseits hieß.
Jürgen war mitten in das deutsche Wirtschaftswunder hineingeboren worden, mit dem einzigen Nachteil, daß dieses Wunder seine Familie offensichtlich noch nicht erreicht hatte.
Sein Vater war kaufmännischer Angestellter einer kleinen Firma für Molkereiprodukte. Er arbeitete viel und schnell und war beliebt bei den Leuten, doch er wurde schlecht bezahlt und hatte nicht das Rückgrat und das Durchsetzungsvermögen,
etwas an seiner Situation zu ändern, was Ihn immer wieder dazu verleitete, mit seinen Kollegen nach Feierabend einen Saufen zu gehen, um sein Unvermögen in Bier und Schnaps zu ertränken.
Dies war für ihn auf jeden Fall angenehmer, als sich das ewige Lamento seiner Frau anzuhören, die ihm täglich vorwarf, daß er zu wenig verdiene und sie die größte Mühe hatte, die beiden Bälger durchzubekommen.
Die Kleinen ahnten von diesen Problemen natürlich nichts, denn ihre Mutter hatte sich vieles vom Munde abgespart, damit es ihren Lieblingen an nichts fehlte und entsprechend zügig entwickelten sich die beiden.
Ab und an war der kleine Jürgen tagsüber mit seiner Schwester allein in der Wohnung. Dann schaute die Hausbesitzerin, die einen Stock über Ihnen wohnte, gelegentlich nach dem Rechten. Sie nannten sie nur Tante Fischer, denn ihren Vornamen hatte
irgendwie nie jemand erwähnt. Sie hatte keinen Mann und keine Kinder und empfand es eher als angenehm, wenn ihre Mutter sie ab und zu bat, nach ihnen zu sehen.
Sie war wohl schon Mitte 60, ihr graues Haar immer ordentlich nach hinten gekämmt und am
Hinterkopf zusammengesteckt. Die Kinder mochten sie sehr, denn sie war ein Seele von einem Mensch.
Im 2. OG wohnte Luzy Horn mit ihrem Vater. Dieser war früh Witwer geworden und seine Tochter kümmerte sich um ihn. Darüberhinaus hatte sie dann wohl den richtigen Zeitpunkt zum Heiraten verpaßt, denn ihre besten Jahre hatte sie bereits hinter
sich. Vermutlich aber war ihr sowieso keiner gut genug.
Auf jeden Fall wurde ihre Garderobe mit jedem Jahr, mit dem sie älter wurde, aufwendiger. Ganz so, als wollte sie schwindende Jugend durch kostbarem
Schmuck und schöne Kleider ersetzen. Sie war die
einzige in der Straße mit einer Waschbärstola und Toni war immer ganz verlegen neidisch, wenn sie Luzy damit die Treppe herunterstolzieren sah.
Auch war sie viel mehr geschminkt als all die anderen Frauen, die einem sonst so begegneten. Sie sah aus wie eine Diva, welche man gelegentlich auf teuren Hochglanzmagazinen am Bahnhofskiosk bewundern konnte. Luzy gönnte sich jedes Jahr einen ausgiebigen
Urlaub in Garmisch-Partenkirchen und allein diese Tatsache erhob sie in den Augen der Mitbewohner fast in den Adelsstand.
Im 4. OG wohnte nun noch die Schwägerin von Luzy’s Vater, die ihren Mann im Krieg verloren hatte. Sie hieß Elisabeth Horn und war ein wenig jünger als ihr Schwager. Der Krieg war nun zwar schon 13 Jahre vorbei, aber er hatte überall noch
tiefe, nicht verheilte Wunden hinterlassen.
Jürgen war mittlerweile schon zwei Jahre alt geworden und seine größere Schwester entwickelte sich mit jedem Tag mehr zu einem Problem anstatt zu einem brauchbaren Spielkameraden. Gottseidank hatte sie 2 dicke, dunkle Zöpfe, welche sich
ausgezeichnet zu körperlichen Züchtigungen eigneten, wenn es wieder einmal nicht so lief, wie er es sich vorstellte.
Schon sehr früh und für seine Umwelt kaum spürbar zeichnete sich eine Charaktereigenschaft ab, welche seinen weiteren Lebensweg begleiten und, ähnlich einem sehr dominanten Gen, immer wieder und häufiger in Erscheinung treten sollte.
Natürlich zog er in diesem Alter allzu oft den Kürzeren gegenüber seiner Schwester. Schließlich war sie doppelt so alt wie er und so propper und feist, daß er jedesmal, wenn er sein Gebiß in den empfindlichen Innenteil ihres
Oberarmes bohrte, annahm, daß es sie jetzt gleich zerreißen würde wie einen prallen Luftballon, an den man eine heiße Nadel hält.
Glücklicherweise bestand Jürgens furchterregendes Gebiß in diesem
Stadium seines Wachstums lediglich aus winzigen Milchzähnen, die aber so scharf und spitz waren wie die einer Feldmaus und seiner übergewichtigen Schwester gehörig
Respekt einflößten. Leider war die dralle Brigitte ziemlich vergesslich und er mußte sie unaufhörlich daran erinnern. Ein halbes Jahr später sah sich der kleine Jürgen genötigt, aufgrund einer Geringschätzung seiner Person
durch die besagte Verwandte, eine Weinflasche der Kategorie 0,7 l zu Hilfe zu nehmen, um seinem Unwillen Ausdruck zu verleihen.
Nachdem das massive Teil, dessen Inhalt Gott sei Dank einer Depression seines Vaters zum Opfer gefallen war, auf Brigittes Kopf niederkrachte, war freilich ein für allemal klar, daß sie zwar viel stärker war als Jürgen, dessen Einfallsreichtum
in der Wahl seiner Hilfsmittel und deren Anwendung aber deutlich unterlegen war.
Selbstredend gab es ein riesiges Geplärre und die im wahrsten Sinne des Wortes schwer erschütterte Brigitte mußte zu alldem Schmerz mitanfühlen, wie sich ein ansehnliches Horn an der Einschlagstelle auf ihrem Kopf bildete. Nun wurde auch ihren
Eltern klar, daß etwas passieren mußte, um den beiden Streithähnen endlich klarzumachen, daß sie das Klassenziel in Sachen Familiensinn bis dato mehr als deutlich verfehlt hatten.
Die Wunderwaffe, an die sie dachten, traf kurze Zeit später ein, wog über 7 Pfund, hatte blaue Augen und den dicken Schädel seines Großvaters.
Auch er wurde von derselben Hebamme im selben Bett in der kleinen Wohnung entbunden. Fiel bei seiner Schwester nach ihrer Geburt ihr
Schwergewicht sofort ins Auge und bei seinem älteren Bruder die riesigen Ohren, so war es bei ihm die Form seines Kopfes,
die an einen gewaltigen, reifen Kürbis erinnerte.
Natürlich hatte auch er wieder diese großen blauen Augen und nun stand endgültig fest, daß dieses Gen seines Vaters wohl überaus dominant sein mußte. Er wurde auf den Namen
Michael getauft, was logischerweise zur Folge hatte, daß er im allgemeinen Abkürzungs- und Amerikanisierungswahn bald nur noch Mike gerufen wurde.
Auch dieses Kind hatte Toni wieder alle ihre Kräfte geraubt und sie brauchte dieses Mal noch länger als sonst, um wieder auf die Beine zu kommen. Jetzt ging auch wieder die tägliche Windelwascherei los, denn wenn Mike etwas besonders gut konnte,
dann war es das Vollscheißen von frischen Windeln.
Dazu wurde eine große Zinkwanne, die sie nur die „Brenk“ nannten, mit Wasser auf den kohlebefeuerten Herd gestellt. Nachdem das Wasser sehr heiß geworden war, wurden die Windeln darin
gekocht, um auch ja alle Bakterien abzutöten, und anschließend mit Kernseife gewaschen.
Im Übrigen wurde alle ihre Wäsche so gewaschen und anschließend im Hof zum Trocknen aufgehängt. Eine Waschmaschine war in dieser Zeit noch viel
zu teuer. Auch das schwere, gußeiserne Bügeleisen, mit welchem die Wäsche anschließend bearbeitet wurde, mußte man auf dem Herd erst heiß werden lassen, bevor man damit bügeln konnte.
Die einzigen elektrischen Geräte in diesem Haushalt waren der Kühlschrank und das Röhrenradio. Der Kühlschrank stand gleich, wenn man die Wohnung betrat, links von der Tür. An der anschließenden Wand stand ein Servierwagen,
auf dessen unterer Etage das liebevoll gepflegte, kleine Aquarium ihres Vaters stand. Eine Etage höher befand sich das große Radio, welches ein hölzernes Gehäuse hatte und dessen großer Lautsprecher mit einer durchgehenden S
toffbespannung vor Beschädigungen geschützt wurde.
Rechts neben der Tür war das Sofa, wenn man geradeausschaute, blickte man direkt auf den Küchenschrank, ein wahres Prachtstück von einer Schreinerarbeit. Davor stand längsseits der Küchentisch mit den dazu
passenden Stühlen. An der von
der Eingangstür aus gesehen linken Wand und rechts neben dem Schrank war ein Fenster.
Gleich nach dem rechten Fenster ging es dann ins Schlafzimmer mit dem großen Bett und dem noch größeren Kleiderschrank. Zur Straße hin gab es zwei
weitere Fenster, wobei unter dem ersten Jürgens Laufställchen stand unter dem zweiten das etwas größere seiner Schwester Brigitte. Mike schlief, wenn er nicht gerade wieder einmal in die Windeln kackte, in einem hübschen kleinen
Körbchen.
In der Wohnküche spielte sich das komplette Familienleben ab. Hier wurde gekocht, gegessen und gespielt, gewaschen, gebügelt und gebadet. Die Kinder wurden in der gleichen „ Brenk“ gebadet, in welcher auch die Eltern sich wuschen und die auch
als „Waschmaschine“ fungierte.
Die Baderei machte den Kindern natürlich einen Riesenspaß, obwohl sie immer aufpassen mußten, daß nicht zuviel Wasser daneben ging, denn der Boden war aus Holz und sehr empfindlich gegen zuviel
Nässe. Im Sommer spielte sich das ganze im Hinterhof ab, wo man dann natürlich nach Herzenslust herum sauen konnte.
Für die Kinder war es eine wunderschöne Zeit. An Ostern suchten sie im Hof hinter dem Haus ihre Osternester und an Weihnachten zierte ein liebevoll geschmückter Weihnachtsbaum den Wohnraum. Sie vermißten wirklich nichts und waren sich der Liebe
und Fürsorge ihrer Eltern sicher.
An Weihnachten und Geburtstagen trafen sich Freunde und Verwandte in der kleinen Wohnung, wobei selten alle auf einmal kamen, denn deren Familien waren mittlerweile auch größer geworden und nicht alle hätten Platz gehabt.
Der Bruder meines Vaters hatte einen Sohn namens Axel. Er war ein halbes Jahr älter als Jürgen und auch schon um einiges kräftiger. Annemarie, eine Cousine meines Vaters, hatte einen Sohn namens Volker. Er war zwei Jahre älter als unsere Schwester und somit der
Größte von allen.
Sie brachte dann zweieiige Zwillinge zur Welt, welche in Brigittes Alter waren: Bettina und Bernd, wobei Betty etwa zwei Drittel des Kinderwagens in Anspruch nahm, da sie sehr verfressen und entsprechend dick war. Alle hatten die
Befürchtung, daß der kleine Bernd zu wenig Muttermilch bekam, da sie ihm vermutlich vorher alles weggesoffen hatte.
Beide Familien besaßen bereits Autos, während ihr Vater noch nicht einmal einen Führerschein hatte und immer noch Fahrrad fuhr. Dies war den Kindern zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal, denn sie konnten ja bei den anderen mitfahren. Oft waren sie mit
Annemaries und Herrmanns weißem Ford P 4, der ein rotes Dach hatte und den alle nur „ die Badewanne“ nannten und dem beigen Käfer, der ihrem Onkel Walter gehörte, unterwegs. Dabei wurde die Kinderschar locker auf die damals noch
durchgehenden Rücksitzbänke verteilt und da alle ja noch ziemlich klein waren, fanden insgesamt 13 Personen in 2 Autos Platz.
Jeden Sonntag wurden sie feingemacht und dann ging es irgendwo hin, wo es etwas zu sehen gab, das den Erwachsenen und den Kindern gleichermaßen gefallen sollte. Hatten die Verwandten und Bekannten einmal keine Zeit, verfrachteten ihre Eltern sie auf ihre
Fahrräder und machten eine Radtour. Stullen und Getränke wurden mitgenommen, ebenso Brigittes Seppl und Jürgens Peterle.
Diese beiden Puppen waren untrennbar mit den beiden Kindern verbunden. Ihre Körper waren gehäkelt und innen mit Wolle gefüllt.
Seppl war grün und Peterle war blau. Obenauf war ein freundlich dreinblickender Bakelittkopf angebracht, der irgendwie an das Zwiebackmännchen erinnerte. Ein Einschlafen am Abend ohne diese beiden wäre unmöglich gewesen.
So genossen die Kinder ihre unbeschwerte Jugend und wurden immer größer. Außer den üblichen kleinen Gemeinheiten, die Jürgen und Brigitte sich gelegentlich zuteil werden ließen, gab es aus der Sicht des Nachwuchses keine
nennenswerten Vorkommnisse.
Mike, der ja noch ziemlich klein war, blieb zu dieser Zeit ziemlich unbehelligt von seinen teilweise nervenden Geschwistern. Bis auf ein kleines Problem mit seinem Brustkorb, welches er aber locker überstand, ging es Ihm eigentlich
am besten.
Ab und an stand ein Besuch bei ihrer Oma an. Dann kam Mike in den Kinderwagen, Jürgen setzte sich auf sein Dreirad und Brigitte nahm ihren blauen Roller mit den recht großen, beigen Rädern, die wie bei einem Fahrrad mit Luft aufgepumpt werden
mußten, und der Troß setzte sich alsdann stadtauswärts in Bewegung.
Frieda war ihre Lieblingsoma, denn sie hatte die gleiche Herzlichkeit und Sanftmut, wie sie sie von ihrer Mutter schon kannten. So wie es irgend möglich war,
übernachteten die drei dort.
Eines morgens, als ihre Oma schon aufgestanden war und die Sommersonne sich rot am Horizont ankündigte, durfte Jürgen in ihr noch warmes Bett kriechen. Dieses große Bett, mit seinen dicken, gemütlichen Paradekissen und einem wuchtigen Deckbett,
das einem ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit vermitteln konnte, wollte er am liebsten nie mehr verlassen.
Die Fensterläden waren schon beiseite geklappt und das Fenster stand offen. Direkt hinter diesem kleinen Siedlerhaus begann das Feld.
Die Ähren darauf glänzten goldgelb in den ersten Sonnenstrahlen und ein unbeschreiblicher Duft von Natur und Frische strömte in das Zimmer und vermischte sich mit dem herzhaften Aroma eines gerade aufgebrühten Apfelschalentees, den ihre Oma in der
Küche für sie zubereitete und den sie so liebten. In diesem Moment hörte Jürgen ein tiefes, gewaltiges und
durchdringendes Brummen, wie es nur von einem Ungeheuer oder aber von sehr großen Maschinen stammen konnte.
Fast gleichzeitig legte sich ein dunkler, bedrohlicher Schatten über das Fenster und Jürgen wußte nicht, ob er sich lieber unter der Decke verkriechen oder sich aufrichten sollte, um nachzusehen, was da vor sich ging. Schließlich siegte die
Neugier und im selben Moment sah Jürgen auf eine riesige, weiße Fläche, die an vielen Stellen in regelmäßigen Abständen leicht nach innen gebogen schien und majestätisch und langsam über das Feld schwebte.
Natürlich hatte er noch nie ein solch gewaltiges Luftschiff gesehen und obwohl er es gerne seinen Geschwistern, die noch schliefen, gezeigt hätte, brachte er keinen Laut hervor. Er saß mit offenem Mund auf dem großen Bett und konnte nicht glauben, was er da
gerade sah. Es war das Allerschönste, das seine großen blauen Augen je gesehen hatten und jedes einzelne Bild brannte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis ein.
Beim Frühstück stellte er fest, daß außer ihm niemand dieses Schauspiel gesehen hatte und er beschloß, es für sich zu behalten. Vielleicht war er ja der Einzige an diesem wunderschönen Morgen, der das Luftschiff bemerkt hatte
und der Gedanke daran, daß nur er dieses Ereignis miterleben durfte, gefiel ihm.
Auch als seine doofe Schwester zwei Stunden später ungebremst mit ihrem Roller von hinten in sein Dreirad krachte, konnte dies seine gute Laune nur kurzfristig dämpfen. Natürlich flog er achtkantig über seinen Lenker und schlug auf dem Asphalt
auf. Aber was waren schon ein paar lächerliche Schürfwunden gegen dieses morgendliche Erlebnis.
Großmütig sah er über das kleine „Mißgesckick“ seiner Schwester hinweg. An jedem anderen Tag hätte sie vermutlich mit äußerst schmerzhaften Repressalien rechnen müssen, nicht aber heute.
Ihre Lieblingsoma besuchte sie auch ab und zu, um ihrer Mutter ein wenig im Haushalt zu helfen. Meistens bügelte sie, während Toni Wäsche wusch oder im Hof welche auf die Leine hängte. Derweilen saß Mike thronend auf seinem Nachttopf
mitten im Zimmer, ohne daß sich etwas „Nennenswertes“ tat. Es war einer der kläglichen Versuche, die Windeln zu schonen, denn es war eine Heidenarbeit, sie wieder sauber zu bekommen.
Für Mike dagegen hatte dieser Topf nicht das geringste mit seinem Stuhlgang zu tun, denn der setzte nach wie vor erst dann ein, wenn er gerade eine frische Windel bekommen hatte. Irgendwie schien Ihn der Geruch von frischer Wäsche zum Scheißen zu
animieren.
Aber Mike hatte so ein liebenswertes Äußeres, daß ihm niemand ernsthaft böse sein konnte und so wurde das gelegentliche Auftreten zwar strenger, aber dennoch menschlicher Gerüche, toleriert.
Brigitte und Jürgen spielten derweil im Hof mit Holzklickern und Rob sehnte den Tag herbei, an dem er endlich mit seinem kleinen Bruder richtig spielen konnte, denn der ewige Weiberkram ging ihm damals schon völlig auf die Nerven.
Zur Freude seiner Eltern wurden Jürgens Ohren nicht noch größer, als sie ohnehin schon waren. Sie hatten sich sozusagen lediglich ein wenig vom Rest seines Körpers entfernt. Er verstand noch nicht so recht, warum er bei Gegenwind für den g
leichen Weg länger brauchen sollte als andere Kinder, aber er vermutete, daß es etwas mit seinen Ohren zu tun hatte.
Sein Äußeres verunsicherte den kleinen Jürgen zusehends und so begann er nervös zu werden und seine Fingernägel abzukauen. Sein „musikalischer Hinterkopf“, wie seine Mutter es nannte, trug auch nicht gerade zur Stärkung
seines Selbstbewußtseins bei und bald empfand er sich als ziemlich häßlich.
Seine Schwester dagegen war ein ganzes Stück gewachsen und aus einer ehemals formlosen Masse Menschenfleischs war tatsächlich ein Gesicht geworden. Sie sah jetzt adrett aus mit ihren dicken, geflochtenen Zöpfen
und sie entwickelte sich nun immer mehr zu Papas Liebling.
Wenn ihre Oma über Nacht blieb und auf der Couch schlief, herrschte endgültig drangvolle Enge in den beiden Zimmern und es war klar, daß ziemlich bald eine größere Wohnung her mußte. Da dies natürlich unweigerlich Kosten mit
sich bringen würde, wurde eine Umzug so lange wie möglich hinausgeschoben, bis der finanzielle Rahmen dies zuließ.
DER UMZUG
Nachdem die Hebamme, welche alle drei Kinder auf die Welt befördert hatte, eines Nachmittags zu Kaffee und Kuchen vorbeikam, um sich bei dieser Gelegenheit vom Wohlergehen des Nachwuchses zu überzeugen, tauchte eine gewisse Unruhe in der Familie auf,
die sich die Kinder nicht erklären konnten.
Als ihre Eltern frisch verheiratet waren, mieteten sie sich ein kleines Man-sardenzimmer am Ende der Stadt. Sie wohnten dort praktisch in der entgegengesetzten Richtung, in welcher Oma Frieda wohnte, aber ganz in der Nähe, wo ihr Vater Heiner aufwuchs. Ihre
damalige Vermieterin hieß Käthe und war ihre spätere Hebamme.
Genau neben Käthes Haus hatte ein Ehepaar mit einem Jungen ein Zweifamilienhaus errichtet, dessen untere Etage und die Dachwohnung vermietet werden sollten. Da sie Heinrich und Toni wärmstens als Mieter empfohlen hatte, und den beiden das Domizil
natürlich sehr gut gefiel, denn es war nagelneu, kam es schnell zu einem Mietvertrag. Sie saßen nun bis spät in der Nacht über ihren
Plänen und Berechnungen und schon bald, nachdem die Kinder von dem bevorstehenden Umzug erfuhren, befand
sich die ganze Familie in einer Art Aufbruchstimmung.
Mit Hilfe der Kollegen von Heinrich und dem großen Lkw der Firma, ging der Umzug schnell und reibungslos über die Bühne. Auch die neuen Möbel, die bestellt waren, wurden rechtzeitig geliefert und nachdem die neue Wohnung komplett war, holten
Toni und Heinrich die Kinder samt Oma Frieda und ihren Möbeln ab, denn das kleine Siedlerhaus sollte verkauft werden und so bot es sich an, die Oma mitzunehmen und unter dem Dach unterzubringen, dessen Bad zwar noch nicht ganz fertig, die Wohnung aber durchaus
schon bewohnbar war.
Jürgen staunte nicht schlecht, als er das große weiße Haus mit den beiden Garagentoren sah. Er ging die betonierte Treppe hoch und stand auf einer großzügigen Veranda, auf welcher es sich garantiert vorzüglich spielen ließ.
Da die Haustür weit offen stand , betrat er zunächst das Treppenhaus und dann durch die Abschlußtür die neue Wohnung. Rechts war die Küche, links das Wohnzimmer. Am Ende des Flurs war links das Elternschlafzimmer, rechts Brigittes
Kinderzimmer und geradeaus das Badezimmer, eine Einrichtung, die Jürgen bis anhin nicht kannte.
Das Badezimmer war an den Wänden mit freundlichen, zartgelben Kacheln gefliest, am Boden mit etwas kleineren und dunkleren. Neben einer Toilettenschüssel mit Spülung, einem Waschbecken und einer großen Badewanne gab es einen weißen
Gasboiler, der für warmes Wasser sorgte. Jürgen hatte zum ersten mal eine Ahnung davon bekommen, was Luxus bedeutet und jetzt hatte er das Gefühl, daß das vielberedete Wirtschaftswunder wenigstens am äußeren Rand seiner Peripherie
das Schicksal seiner Familie gestreift hatte.
Mike und Jürgen teilten sich ein Zimmer unter dem Dach in der Wohnung ihrer Oma Frieda. Der Zuschnitt war in jeder Etage gleich, nur, daß ganz oben die Wände schräg waren. Es war ein tolles Gefühl, ein eigenes Zimmer zu haben, auch wenn
er es mit seinem kleinen Bruder teilen mußte.
Für die Kinder gab es jetzt natürlich allerhand zu tun. Nachdem die Zimmer aufgeteilt waren und auch der Rest des Hauses ausgiebig begutachtet war, galt es nun die Umgebung zu erkunden und nach eventuellen Spielkameraden oder Kameradinnen Ausschau zu
halten.
Mike war mit seinen 2 Jahren noch zu klein, um sich an den Exkursionen zu beteiligen. So lernten Brigitte und Jürgen zunächst einmal ihre Vermieter kennen, Familie Hermann. Sie hieß Elisabeth und war eine kleine Frau mit einer stabilen
Figur und ausladenden Formen. Sie hatte ihre Haare am Hinterkopf zusammen getrudelt, ähnlich wie Tante Fischer, trug eine Brille im runden Gesicht und machte insgesamt einen sympathischen Eindruck.
Ihr Mann dagegen war sehr groß und drahtig, hatte markante Gesichtszüge und machte nicht den Eindruck, als wenn er für Kinderstreiche empfänglich wäre. Auch er trug eine Brille, deren Gläser an Glasbausteine erinnerten und er sprach
irgendwie anders als die Leute, die sie bis anhin kennengelernt hatten. Er hieß Alfred und er gehörte nicht zu der Kategorie Mann, der von seiner Frau liebevoll Alfi gerufen werden wollte.
Ihr Sohn war so alt wie ihr Cousin Volker, also etwa neun und hörte auf den Namen Freddy. Er hatte den runden
Kopf seiner Mutter und die Brillenstärke seines Vaters geerbt und er sollte sich schon nach kurzer Zeit als idealer Spielkamerad für Jürgen entpuppen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und Freddy war bald wie ein großer Bruder zu ihm,
von dem er viel lernen konnte.
Es lag sozusagen auf der Hand, daß Freddy bei seinem Vater nicht viel zu lachen hatte und die Tatsache, daß er immer hochkonzentriert war, wenn sein Vater neben ihm stand, verriet ihm, daß es wohl besser war, einer
eventuell drohenden Ohrfeige rechtzeitig auszuweichen.
Sein Vater hatte Hände wie Schaltafeln und man brauchte sicherlich viel Glück, wenn man von ihm eine fing, um am anderen Ende des Flurs rechtzeitig vor der Glastür zum Stehen zu kommen. Es war
klar, daß Freddy diese Übung schon mehr als einmal vorgeturnt hatte.
Es war Anfang Juli im Jahre 1963 und sehr warm. Daher beschloß Toni, mit den Kindern schwimmen zu gehen, denn nur wenige hundert Meter von ihrem neuen Heim entfernt gab es ein tolles Schwimmbad, welches für die Kinder in den nächsten Jahren
zumindest im Sommer Ihr Hauptaufenthaltsort werden sollte.
Toni wollte speziell für Brigitte irgendwelche Dinge unternehmen, denn sie war noch im Jahr vor dem Umzug eingeschult worden und mußte nun die Schule wechseln. Das machte ihr sichtlich zu
schaffen.
Jürgen war schon am Tag ihrer Einschulung der Meinung gewesen, daß seine Schwester etwas für ihre grauen Hirnzellen tun mußte, denn er hielt sie nicht für besonders schlau. Er hoffte nur, daß er nicht derjenige war, der
diesen Zustand herbeigeführt hatte, denn es war ja durchaus möglich, daß seine Schwester nur zwei von diesen Hirnzellen besaß, und einer davon hatte er garantiert mit seinem Schlag auf den Kopf den Garaus gemacht.
Er war sich nicht ganz sicher, ob ein Mensch mit einer grauen Zelle in der Lage war, einen Hauptschulabschluß zu schaffen. Erst sehr viele Jahre später stellte er fest, daß dies einer ganzen Menge Leute gelungen war.
Erwartungsgemäß tat sich seine Schwester nicht leicht in der Schule und Jürgen freute sich jeden morgen diebisch, wenn sie zum Unterricht antreten mußte und er konnte im Bett liegen bleiben. Ein Umstand, den auch er nicht mehr lange würde
genießen können, aber bis es soweit war, tat er dies jeden Tag.
Jürgen hatte jetzt den ganzen Vormittag Ruhe vor seiner Schwester. Ein Zustand, mit dem er durchaus leben konnte. Sein Bruder Mike störte ihn sowieso nicht, denn der hatte bekanntlich ganz andere Interessen. Jürgen hatte langsam aber sicher den
Verdacht, daß sein kleiner Bruder ganz gezielt auf einen Rekord im Verdauen von Aletebrei hinarbeitete.
Der Umzug hatte unter anderem auch den Einzug einer neuen technischen Errungenschaft nach sich gezogen, welche ihre Mutter sehr entlasten sollte: Eine Waschmaschine. Und ganz so, als hätte Mike das mitbekommen, erhöhte er sofort die Produktion von
schmutzigen Windeln. Er funktionierte wie ein Durchlauferhitzer – tu' ich oben was rein, kommt unten was raus.
Wenn Jürgens Schwester übellaunig von der Schule zurückkam, aßen sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Mike zu Mittag. Anschließend machte Brigitte sich an die Hausaufgaben und Jürgen verschwand im dritten Obergeschoß in seinem
Zimmer.
Ab und zu besuchte er auch Freddy. Sie spielten dann stundenlang zusammen Lego und hörten Beatmusik aus dem Transistorradio. Jürgen konnte bereits mit sechs Jahren „Spanish Eyes“ von Al Matino fast auswendig mitsingen, denn es war
schon in der alten Wohnung das Lieblingslied seines Vaters gewesen. Beatmusik hatte Jürgen immer nur dann kurz mitbekommen, wenn sein Vater auf der Suche nach Al Matino andere Sender gestreift hatte als die, die er gewöhnlich hörte.
Jürgen war jetzt schon fast sechs Jahre alt, und seine Schwester hatte tatsächlich wider Erwarten die erste Klasse geschafft. Mit ihr gemeinsam hatte er auch längst die nähere Umgebung erkundet.
Speziell die wilden Obstgärten, die direkt hinter der Wiese auf der gegenüberliegenden Straßenseite begannen, hatten es Ihnen angetan. Sie gehörten zwar ihren Nachbarn, die hatten aber nicht die Zeit, um sich um die ganzen Obstbäume zu kümmern.
Hier gab es Kirschen, Mirabellen, Reineclauden, Äpfel und Pflaumen in rauhen Mengen und jeder konnte sich soviel nehmen, wie er nur tragen konnte. Toni hat das Obst für den Winter in Obstgläsern eingemacht. Aus Pflaumen wurde Mus, aus Johannisbeeren Gelee und aus Erdbeeren Marmelade.
Toni hatte in dieser Zeit sehr viel zu tun, denn außer der Kindererziehung hatte sie noch eine Putzstelle und zwei fremde Haushalte zu betreuen. Oma Frieda ging ihr natürlich zur Hand, wo sie nur konnte, denn auch sie wußte, daß die neuen
Anschaffungen bezahlt werden mußten und jede Mark benötigt wurde.
Bei ihrem letzten gemeinsamen Schwimmbadaufenthalt hatte Jürgen bemerkt, daß der Bauch seiner Mutter wieder dicker geworden war und er vermutete, daß es hier einen kleinen Unfall in Sachen Empfängnis-verhütung gegeben haben mußte,
denn einem zufällig mitgehörten Gespräch seiner Eltern konnte er entnehmen, daß eigentlich kein weiteres Kind mehr geplant war.
Bald mußte Toni ihre Arbeiten langsamer angehen mit der Folge, daß natürlich auch weniger Geld ins Haus kam. Die finanziellen Ver-pflichtungen, die sie und ihr Mann eingegangen waren, sorgten nun zusehends für Spannungen unter den beiden.
Wie immer, wenn es Probleme gab, zog Heiner es vor, sich nach der Arbeit volllaufen zu lassen und so kam es, daß er fast jeden Tag besoffen vor seinem Abendessen saß und die Familie tyrannisierte. Da er von Natur aus einen cholerischen Charakter
besaß und der Alkohol diese Eigenschaft verstärkte, kam es oft zu unschönen Szenen, die man Kindern in diesem Alter eigentlich nicht hätte zumuten dürfen.
Jürgen und Brigitte hassten ihren Vater in dieser Zeit dafür, daß er Ihnen jeden Abend vermieste und daß er ihre Mutter so schlecht behandelte. Aber trotz all seiner Bösartigkeit, speziell wenn seine Kollegen ihm Schnaps
eingeflößt hatten, hat er die Kinder niemals geschlagen. Nach dem Essen schleppte er sich meistens ins Wohnzimmer, setzte sich in seinen Lieblings Sessel und schlief sofort ein.
Unter der Woche hatten die Kinder nicht viel von ihrem Vater. Eigentlich stand er ihnen nur Sonntags nüchtern zur Verfügung, denn Samstags wurde auch gearbeitet. Da sie nun direkt am Waldrand wohnten, trafen sich die verwandten Familien Sonntags morgens
bei ihnen, um zu einer gemeinsamen Wanderung aufzubrechen.
Unmittelbar hinter dem Haus verlief ein steiler Weg zur Wolfsburg und sie mußten nur etwa zweihundert Meter die Straße entlanglaufen, um zu ihm zu gelangen. Von der Burg aus ließen sich dann die verschiedenen Hütten ansteuern.
Am häufigsten waren sie mit ihrem Onkel Walter, dem Bruder ihres Vaters und dessen Familie unterwegs. Alle hatten ihre Rucksäcke dabei, randvoll mit Leber-wurstbroten, Obst und Getränken. Die Kinder mochten ihren Onkel, denn er machte all die Dinge, die ihnen ihre Eltern strengstens verboten hatten. Trank er bei der ersten Rast etwas, rülpste er laut, hatte er etwas gegessen, ließ er laut und deutlich vernehmbar einen fahren. Sehr zum Verdruß seiner Frau Edith. Die Kinder lachten sich kaputt, bis Edith mitlachte.
Sie hatte ein ansteckendes Lachen, eher ein Gekicher, und bald lachten alle, einschließlich Onkel Walter’s Schwiegereltern. Das waren ebenfalls sehr liebe Leute und da sich Brigitte und Jürgen auch mit Axel, ihrem Cousin, gut verstanden, waren diese Ausflüge immer gelungen.
Da Axel ein halbes Jahr älter und schon bedeutend kräftiger als Jürgen war, konnte dieser nun die Kleider tragen, die Axel nicht mehr paßten. Von seinen beiden anderen Cousins, Volker und Bernd, bekam er ebenfalls zu klein gewordene Klamotten.
Der letzte im Glied war der kleine Mike. Es war jedoch durchaus üblich, daß innerhalb einer Familie der Jüngere die zu klein gewordenen Sachen seines Bruders oder seiner Cousins auftrug. So mußten die Eltern nicht pausenlos neue und teure
Kleidung kaufen.
Im Sommer trugen die Jungs meistens kurze Lederhosen, die mit ebenfalls ledernen Trägern gehalten wurden. Auf der Brust gab es eine Querverbindung zwischen den Trägern, die mit einem weißen Hirschen verziert war. Die Dinger waren
unverwüstlich, hatten jedoch den entscheidenden Nachteil, das man sich bei längerem Tragen die Innenseiten der Oberschenkel aufrieb, was speziell bei langen Wanderungen verdammt weh tat. Die Kinder sind schon in jungen Jahren an diesen Sonntagen sehr
weit gelaufen. Da das aber immer eine ziemliche Gaudi war, ist irgendwie nie jemandem aufgefallen, welche Leistungen die Kleinen schon vollbrachten.
Antonie war nun schon einige Sonntage nicht mehr dabei, denn der Hausarzt, Dr. Gerspach, war der Meinung, daß sie sich nun schonen müßte. Es ging schon wieder Richtung Herbst. Brigitte kam wider Erwarten in die zweite Klasse und das neue
Familienmitglied würde wohl auch nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Auch dieses Kind würde wieder eher zum Ende des Jahres geboren werden und Jürgen fragte sich, wieso keines seiner Geschwister im Frühjahr zur Welt kam.
KINDERGARTEN
Während Brigitte schon die Schulbank drückte konnten Mike und Jürgen noch jeden Morgen schön ausschlafen und sich überlegen, wie sie den Tag über wohl am effektivsten ihre Umwelt belasten könnten, ohne dabei selbst Schaden zu
nehmen. So begleiteten sie ihre Mutter in den kleinen Schrebergarten am Bach, der nur wenige Hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt lag und ihrem Grossvater Heinrich gehörte.
Das war ein richtiger Gemüsegarten mit Tomaten, Petersilie und jeder Menge anderem Grünzeugs und interessierte die beiden Jungs nicht die Bohne. Einige Meter davon entfernt gab es jedoch einen Kindergarten und das Lachen und Toben der Kinder drang bis in
ihre Schrebergartenidylle vor. In einem unbeaufsichtigten Augenblick nahm Jürgen Mike an der Hand und so schlichen sie sich unbemerkt in dessen Richtung.
Hier gab es alles, was das Kinderherz begehrte, von der Schaukel über den Sandkasten
bis hin zum Karussell und ehe sich die beiden versahen, fühlten sie sich wie die neuen Mitglieder in dieser gemeinnützigen Einrichtung. Irgendwie hatten alle das
Gefühl, als wenn die beiden dazugehörten und niemand vom Personal überprüfte, ob das denn auch wirklich so sei. So kam es ab und zu vor, dass Jürgen alleine los zog, denn Mike war ja erst drei und noch nicht so gut zu Fuss. Er mischte sich
ungeniert unters Kindergartenvolk und wenn es ihm zu langweilig wurde, verschwand er wieder unversehens. Da der Kindergarten auf dem Weg zu Opa Heinrich lag gab es auch keine Fragen über den Verbleib des Kindes.
Schräg gegenüber des Schrebergartens sah man auf die Rückseite des Hauses, in welchem seine beiden Cousins und seine Cousine wohnten und wenn er Glück hatte, durfte er ab und zu auch mit seinem Cousin Bernd spielen. Bernds Eltern gehörte
das Spar Geschäft und hier gab es natürlich jede Menge zu entdecken.
Fortsetzung folgt...!